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  • AutorenbildNico Pommerenke

Las Vegas, die Scorpions & zwei Jahrzehnte

Zwanzig Jahre. Eine ganz schön lange Zeit lag zwischen meinen Besuchen in einer der schillerndsten und verrücktesten Städte der Welt. In Las Vegas ticken die Uhren anders. Für viele Menschen ist die Wüstenstadt im US-Bundesstaat Nevada ein Party-Paradies, andere dürften die laute, künstliche und oberflächliche Atmosphäre rund um den weltberühmten Strip als Kulturschock empfinden. Ich stehe irgendwo dazwischen; als Schaulustiger, aus professioneller Perspektive. Schließlich stand meine weite Reise dieses Mal zum Arbeiten und nicht zu Vergnügungszwecken auf dem Programm.

Dass es mich Ende April 2024 abermals nach Las Vegas zieht, kommt unverhofft. In vertrauensvoller Zusammenarbeit mit verlässlichen Partnern produzieren wir bei RUN Forward Media seit rund vier Jahren Filme für Magazine im öffentlich-rechtlichen Hauptprogramm. Meist klingelt das Telefon und es wird ein einzelner Drehtag oder der mittlerweile recht routinierte Schnitt eines Beitrags angefragt. Oft kommen wir so mit bedeutenden Persönlichkeiten aus der deutschen Gesellschaft in Berührung. Aber in diesem Fall war das Paket dann doch ziemlich besonders: „Möchtest du nach Las Vegas fliegen? Wir haben das Go, die Scorpions ein ganzes Wochenende lang zu begleiten.“

Sofort hat diese Anfrage auf mich eine nostalgische Wirkung. Unverzüglich habe ich die Bilder aus meiner Kindheit von dieser verrückten Stadt im Kopf. Ich als kleiner Junge, der aus dem Staunen nicht mehr herauskommt: überall die leuchtenden Reklamen, Hotels mit Achterbahnen zwischen den Wohnhäusern, das Wasserballett vor dem Bellagio, sündige Angebote von nackter Haut bis zum Glücksspiel. Und dazu noch die Scorpions. Mir kommt eine Erinnerung aus dem Schulchor in der fünften Klasse in den Sinn. Wir singen unter Anleitung des Chor-Lehrers „Wind of Change“, ein Lied, das über die Grenzen des Herkömmlichen zur Hymne einer ganzen Generation im Friedens- und Freiheitsdrang wurde.

Direkt nach meiner Ankunft ist für die großen Emotionen nicht so viel Platz, denn den nehmen Müdigkeit und Jetlag ein. Ich checke ins „Luxor“ ein. Das Hotel ist eine Pyramide, die Zimmer befinden sich allesamt an der Außenwand des Gebäudes, praktisch in einem Zwischenraum. Alles ist mit Schrägen verbaut, die Fahrstühle sind sogenannte „Inclinator“, die an den vier Ecken der Pyramide schräg im 39°-Winkel nach oben fahren. Und auf der Innenfläche befinden sich mehrere Veranstaltungsorte, Austellungen sowie natürlich über 10.000 Quadratmeter Casinofläche. Wie gesagt: Hier ist alles ein bisschen anders.



Eine der spannendsten Fragen meines beruflichen Trips war für mich die Entwicklung in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Hat sich viel verändert? Ist es noch das Las Vegas vom Anfang der 2000er, als ich noch ein Kind war? Sehr schnell sehe ich vor Ort, dass viele Dinge noch genauso aussehen, wie in meiner Erinnerung. Das „New York, New York“ mit der nachgebauten Manhattan-Skyline und der Freiheitsstatue hat sich gar nicht verändert.



Auch die Indoor-Kanäle des „Venetian“ sehen aus wie in meiner Erinnerung. Als ich einen Spaziergang zum „Circus Circus“, unserem Hotel von vor zwanzig Jahren, mache, bekomme ich eine Gänsehaut. Man fühlt sich zurückversetzt, als ob die Zeit stehengeblieben wäre. Genauso ist aber auch Vieles ganz anders. Überall leuchtet es auf dem Strip, riesige LED-Wände springen einem förmlich ins Gesicht. Bei allen Gelegenheiten wird man mit elektronischer Musik beschallt, beim Essen, am Pool, auf dem Bürgersteig. Im Casino, durch das man allein schon gehen muss, um auf sein Zimmer zu kommen, sind die Abläufe alle noch schneller und lauter geworden, die optischen und akustischen Reize nähern sich dem oberen Ende der Skala. Diese Mischung aus altbekanntem, ja vielleicht sogar schon in die Jahre gekommenem Charme und dieser Überschwemmung an aufdringlichen technischen Impulsen sorgt für einen ziemlich einmaligen Mix an Gefühlen.

So richtig spannend wird es dann natürlich an den beiden Drehtagen. Die „Scorpions“ um Leadsänger Klaus Meine sind richtig coole Typen. Die Band spielt hier als „Residents“ neun Konzerte binnen eines Monats, lebt also eine ganze Zeit am Stück in dieser verrückten Stadt. Las Vegas, Nevada und die ganzen USA kann man getrost als eine zweite Heimat der Rocker bezeichnen, die in Amerika eine vierstellige Anzahl an Konzerten gespielt haben und auch in Sachen verkaufte Tonträger unglaubliche Erfolge vorzeigen können. Trotzdem sind die Ende 60- bis Mitte 70-jährigen Mitglieder echt locker drauf, als mein US-Kameramann Michael und ich vor dem Konzert zum Interview bitten. Vor allem mit Gitarrist Matthias Jabs, den wir beim Einspielen begleiten, gibt es einen netten Plausch. Mit dem Gitarrensammler (schätzungsweise rund 180 Gitarren) habe ich natürlich sofort eine gemeinsame Basis, auch wenn sich meine Sammlung  „nur“ irgendwo bei knapp 15 Gitarren bewegt. Auch Klaus Meine nimmt uns mit in seine Umkleidekabine. Es tut richtig gut zu sehen, wie entspannt, locker und natürlich diese Weltstars mit uns umgehen.



Beim Konzert gibt es einen unfassbaren Gänsehautmoment für mich. Ich stehe in Reihe null, direkt vor der Bühne. „Wind of Change“ wird gepfiffen und gespielt. Wieder so ein Augenblick, der mich tief in meine Vergangenheit befördert. Das Konzert verfolgen wir aus allen möglichen Perspektiven, teilweise auch backstage. Am Tag danach treffen wir die Band nochmals zum Interview in einer Galerie für ausgediente Neonreaklamen. Ausgedient haben die Scorpions gefühlt noch lange nicht. An diesem zweiten Drehtag merke ich abermals, wie viel Liebe und Enthusiasmus für das Tourleben in den jeweiligen Mitgliedern steckt. Auch Mikkey Dee, bis zum Tod von Lemmy Kilmister Drummer bei Motörhead, ist mit ganzer Seele dabei, auch wenn er erst seit 2016 für die Gruppe aus Hannover trommelt. Der Schwede ist bei unseren Drehs eher Nebendarsteller, aber offenherzig, freundlich und voller positiver Energie. Mit diesen Attributen werden die Scorpions weiter touren, bis es einfach wirklich nicht mehr geht.



Bevor ich zurück nach Deutschland reise, wo ich aus dem gesammelten Material einen zehnminütigen Film fürs ZDF fertigstellen werde, erlebe ich ein letztes Highlight dieses Trips. Ein letztes Gefühl aus meiner Vergangenheit kommt auf, als ich mir ein Auto miete und einen kleinen Roadtrip durch die Wüste starte. Damals, mit meiner Familie, war es eine Art Ritual, während der schier endlosen Strecken durch die Wüste Musik zu hören. Mein Vater hatte damals über Wochen Kassetten mit passenden Songs vorbereitet, die dann im Auto rauf und runter liefen. Die Kombination aus dem Freiheitsgefühl des Fahrens durch die Weiten des Landes mit den entsprechenden Liedern hat eine unglaubliche Wirkung auf mich. „My Oklahoma“ (Steve Young), „Homeward Bound“ (Simon & Garfunkel), „Satan’s Jewel Crown“ (Emmylou Harris), „The Last Laugh“ (Mark Knopfler) und viele weitere Titel. Diese Lieder hörte ich auf meinem Trip zum Grand Canyon. So rundete ich ihn ab, meinen Ausflug zwischen damals und heute, zwischen zwei Epochen, als Betrachter des Zeitgeschehens in Las Vegas, Nevada.

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